Mitglieder auswählen

So schnell wie möglich komplett werden – lautet gerne die Devise bei der Gründung von Wohnprojektgruppen. Das kann jedoch zu erheblicher Überlastung führen.

Einführung

Der Traum vom gemeinsamen Wohnen kann nicht allein realisiert werden, weswegen viele Initiator*innen dazu neigen, möglichst schnell viele Mitmacher*innen zu finden. Manchmal sogar noch bevor Eckpfeiler des Miteinanders und externe Faktoren wie Grundstück und Kooperationen geklärt sind. Dabei sollte man sich bewusst sein: Mit jedem neuen Mitglied kommen neue Perspektiven und individuelle Interessen dazu. Das birgt Potenziale und Risiken.

Aus der Beratungspraxis zeigt sich: Je größer eine Gruppe zu Beginn, desto langwieriger der Prozess bis man sich auf eine gemeinsame Ausrichtung und Vision vom gemeinschaftlichen Wohnen geeinigt hat. Je mehr Individuen sich beteiligen, desto höher der zeitliche und mentale Aufwand, alle mitzunehmen und entscheidungsfähig zu sein.

Um sich selbst vor Erschöpfung und die Gruppe vor Frustration durch ständige Fluktuation zu schützen, lohnt es sich daher, über die Frage, wann wie viele und welche Mitglieder ausgewählt werden, genauer nachzudenken.

Die Entstehung der Kerngruppe

Wohnprojekte entwickeln sich in der Regel aus einer zunächst losen Gruppe mit einer vagen Idee heraus. Diese Menschen beginnen, sich zu organisieren, um aus der Idee Realität werden zu lassen. Mit dieser Arbeit entsteht die Kerngruppe. Ihre Aufgabe ist es, zu definieren:

  1. Wer gehört zu uns? Welche Personen bilden die Kerngruppe?
  2. Wie wollen wir Entscheidungen treffen? 

Bei der Auswahl von Mitgliedern der Kerngruppe sowie neuer Personen im weiteren Verlauf ist es wichtig, sich vorab folgende Gedanken gemacht zu haben:

  • Was sind unsere Werte und Fixsterne? (Entwicklung eines Leitbilds)
  • Wann sind für uns gute Zeitpunkte, uns für Interessierte zu öffnen?
  • Wie soll das gegenseitige Kennenlernen und Aufnahme-Verfahren ablaufen?
  • Welche Kompetenzen und Ressourcen sind bei uns schon vorhanden und welche würden uns noch unterstützen können? (Z.B. Personen mit mehr oder weniger Zeit-/Geldressourcen, mit anderen sozial-gesellschaftlichen Hintergründen? Personen mit bestimmten Kenntnissen und Interessen, z.B. zu Finanzierung, Gartenarbeit, Handwerkeln, Gruppenprozessen, Moderation, Kochen, Öffentlichkeitsarbeit, etc.?)

Je mehr Klarheit eine Gruppe zu diesen Fragestellungen hat, umso leichter ist es, Kriterien für die Auswahl der Mitglieder zu benennen. Andersherum hilft es interessierten Personen dabei, sich selbst gegenüber der bestehenden Gruppe und ihrer Intention zu verorten. Klarheit bietet Orientierung und kann Konflikten und langwierigen Prozessen durch transparentes Erwartungsmanagement vorbeugen.

Das Verfahren für neue Mitglieder

Bei der Suche nach neuen Mitgliedern ist es wichtig, deutlich zu kommunizieren, was angeboten und wer gesucht wird. Wenn zudem noch nachvollziehbar ist, wie der Prozess abläuft, sind schon viele Fallstricke zu Beginn beseitigt. In den allermeisten Projekten hat sich ein mehrstufiges Verfahren etabliert.

  1. Eine Kleingruppe (z.B. soziokratisch offen gewählt) bereitet die Ausschreibung vor und führt erste Telefongespräche. Hier bewährt es sich, vorab einen Interviewleitfaden und standardisierte Steckbriefe zu erstellen. Auf Grundlage dessen kann die ganze Gruppe besser entscheiden, welche Personen sie persönlich einladen möchte.
     
  2. Persönliche Kennenlerngespräche, z.B. am Grundstück, können stattfinden und sind für möglichst viele aus der bestehenden Gruppe wahrzunehmen.
     
  3. Bei weiterem gegenseitigem Interesse können die Personen bei ausgewählten Arbeitsprozessen dabei sein, um auch die Arbeitsweise und das Arbeitspensum kennenzulernen. Ebenso sollten sie bei Freizeitaktivitäten eingebunden werden, um auch das lockere Miteinander vertiefend zu erleben.
     
  4. Wenn dann nach mehreren Wochen der Wunsch von einer Partei ausgesprochen wird, eine Entscheidung zu treffen, gilt es, dafür das passende Verfahren zu wählen. Es empfehlen sich hier die Konsentabfrage oder bei mehr Auswahl als Plätzen das systemische Konsensieren (Vergabe von Widerstandspunkten 0-10) im Plenum.

Im besten Fall sind alle bestehenden Mitglieder aktiv beteiligt und entscheiden mit. Bei größeren Wohnprojekten kann ggf. ein gewählter Delegiertenkreis dieses Mandat übertragen bekommen. Erst im letzten Schritt sollte das neue Mitglied auch formal (in die GbR, Genossenschaft, etc.) aufgenommen werden. Eine finanzielle Einlage zu diesem Zeitpunkt erhöht die Verbindlichkeit.

Fazit: frühzeitiges Konzept für Auswahl

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Auswahl neuer Mitglieder nicht auf die leichte Schulter genommen werden sollte. Ein frühzeitiges Konzept zum Bedarf und dem Verfahren schafft Klarheit und Sicherheit. Der Mix aus lockerem und verbindlichem Miteinander in Freizeit wie Arbeit bieten eine breite Basis für eine gute und vertrauensvolle Entscheidung. Die bessere Devise sollte also lauten: So schnell wie nötig und so bewusst wie möglich wachsen.

Weiterführender Link

Tipps und Tricks bei der Auswahl von Bewohnenden

Das Bündnis für inklusives Wohnen, WOHN:SINN e. V., gibt weitere Hinweise und Tipps zur Auswahl von Bewohnenden für Wohnprojekte. 

Autor*in
Maren Wynands

Maren Wynands ist selbstständige Prozessbegleiterin, Moderatorin und Coach für Gemeinschaften und Organisationen und Bewohnerin eines Mehrgenerationen-Wohnprojekts. Ihre Grundlagen sind ein systemisch-konstruktivistischer Hintergrund und Weiterbildungen zur Gewaltfreien Kommunikation, Restorative Circles und Soziokratie.

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