Katrin Schmitz ist freiberufliche Trainerin und Beraterin für Kommunikation, Team- und Organisationsentwicklung. Sie ist Vorstandsmitglied im Soziokratie Zentrum Deutschland e.V. und hat einen ausgeprägten Hintergrund in Gewaltfreier Kommunikation.
Entscheidungen in der Gruppe treffen

Einführung
Die Methode der soziokratischen Konsentmoderation hilft dabei, Entscheidungen in der Gruppe transparent und mit Freude zu treffen. Entlang einer leicht nachvollziehbaren Struktur kommen die Gruppen zu tragfähigen Entscheidungen, die anschließend mit Elan umgesetzt werden können.
Die soziokratische Konsentmoderation
Phasen der moderierten Entscheidungsfindung:
- Die anfängliche Themenklärungsrunde stellt sicher, dass alle verstehen, worum es geht. Darüber hinaus bekommen alle die für sie relevanten Informationen, um sich eine Meinung zu bilden und Vorschläge zu entwickeln.
In zwei Meinungsrunden äußert jede Person daraufhin, was ihr bei der Entscheidung grundsätzlich am Herzen liegt, z.B. dass die Lösung leicht umsetzbar und bezahlbar ist. Jeder Redebeitrag endet mit konkreten Lösungsvorschlägen zur Beantwortung der anfänglich gestellten Leitfrage.
Während in der ersten Meinungsrunde noch persönliche Perspektiven und individuelle Lieblingslösungen genannt werden, lädt die zweite Runde dazu ein, Bezug auf das zuvor Gehörte zu nehmen und die Vielfalt der Ideen auf eine für alle tragfähige Lösung zu verdichten.
Zu Beginn der Beschlussrunde (Konsentrunde) stellt die Moderation einen Lösungsvorschlag vor, von dem sie glaubt, dass dieser die zentralen Anliegen in der Gruppe und die Vorschläge mit viel Unterstützung umfasst. Anschließend wird die Gruppe um ihren Konsent gebeten mit der Frage: „Gibt es Einwände?“. Einwände werden dann gegeben, wenn jemand im Kreis Bedenken hat, dass die Gruppe mit der Umsetzung des Beschlusses die Erreichung des gemeinsamen Ziels gefährden würde. Jedes Kreismitglied zeigt gleichzeitig per Handzeichen, ob sie/er dem Vorschlag:
(a) einen Konsent gibt, also voll mitgeht,
(b) den Vorschlag trotz eines leichten Einwandes mitträgt oder
(c) einen schwerwiegenden Einwand hat.
Leichte Einwände können in den Beschluss integriert werden, falls dies leicht möglich ist.Schwerwiegende Einwände gilt es zunächst gut zu verstehen, um sie dann in den Beschlussvorschlag integrieren zu können. Nur, wenn es keinen schwerwiegenden Einwand gibt, ist eine Entscheidung getroffen. Die Integration von Einwänden funktioniert zumeist sehr gut und führt zu wichtigen Verbesserungen der Lösung gemäß dem Leitsatz: „Jeder Einwand ein Geschenk.“
Typische Fragen der Moderation bei schwerwiegenden Einwänden sind:
- Inwiefern würde der Beschluss die Zielerreichung gefährden?
- Wie könnte der Beschluss so angepasst werden, so dass dieses Risiko minimiert wird?
- Wie und wann lässt sich konkret überprüfen, ob der Beschluss unerwünschte Wirkungen zeigt, um gegebenenfalls nochmal nachzusteuern?
Leitmotiv für soziokratisch getroffene Entscheidungen ist stets: „Gut genug für den Moment und sicher genug, um es auszuprobieren.“
Kurzform für große Gruppen
Für größere Gruppen und Plena gibt es auch eine Kurzform. Hier arbeitet die Gruppe auf Basis einer vorher bereits erstellten Beschlussvorlage. In der ersten Runde gilt es wieder Verständnisfragen zu klären. Dann gibt es eine Reaktionsrunde und abschließend folgt die Konsentrunde wie oben beschrieben.
Soziokratische Sitzungen werden immer moderiert. In Wohnprojekten wird diese Rolle meist von einem eigens dafür gewählten und geschulten Kreismitglied übernommen. Ein Kreismitglied kann neben seiner Moderationsrolle auch die persönliche Meinung gleichberechtigt in den Kreis einbringen. Falls die Allparteilichkeit einer kreisinternen Moderation gefährdet scheint, kann auch eine externe Person mit der Aufgabe betraut werden. Von Entscheidungen per Mehrheit raten wir für fast alle Entscheidungen mit größerer Tragweite ab, um einer belastenden Spaltung der Gruppe vorzubeugen.
Spezialform: die offene soziokratische Wahl
Eine Spezialform der Konsentmoderation ist die offene soziokratische Wahl - ein äußerst wertschätzender Prozess mit dem Gruppen in Anlehnung an den oben beschriebenen Prozess:
- die Aufgaben der zu wählenden Rolle definieren und hilfreiche Fähigkeiten zu deren Erfüllung benennen,
- jedes Kreismitglied eine Person vorschlägt mit Hinweis darauf, welche Fähigkeiten und Qualitäten man hinsichtlich der zu besetzenden Rolle in der Person sieht,
- jedes Kreismitglied angesichts des Gehörten - gegebenenfalls - nun eine andere Person vorschlägt mit Hinweis auf deren Fähigkeiten und Qualitäten und
- abschließender Konsentrunde, bei der die Moderation die Person mit der besten Tragfähigkeit aus allen Nennungen zum Konsent stellt.
Der Prozess endet wieder mit einer Konsentrunde, bei der die Moderation die Person mit der besten Tragfähigkeit aus allen Nennungen für die Besetzung der Rolle vorschlägt. Im Rahmen dieses offenen und wertschätzenden Prozesses kommen oft auch Menschen in Verantwortung, die es sich sonst nicht recht zutrauen würden und die Aufgaben werden auf mehr Schultern verteilt.
Zusammenfassung
Die soziokratische Konsentmoderation stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl und trägt dazu bei, dass wir einander aufmerksamer zuhören und auch introvertierte Menschen ihre Sichtweisen einbringen. Ping-Pong-Diskussionen werden ebenso vermieden wie Monologe und lange Geschichten. Auch neue Mitglieder integrieren sich so leichter.Die äußere Form fördert eine konstruktive, lösungsfokussierte Kommunikationskultur mit mehr Tiefe und führt uns zu durchdachten und weitsichtigen Beschlussvorlagen und Entscheidungen, bei der alle gewinnen.



