Gruppen in Wohnprojekten schützen

Bewohnende eines Wohnprojekts können vermehrt rechtsextremen Angriffen ausgesetzt sein. Was Wohnprojekte tun können, um sich zu schützen und trotzdem eine Willkommenskultur beizubehalten, beschreibt dieser Artikel.

Einführung

Selbstverwaltete Wohnprojekte stehen mehr denn je im Fokus rechtsextremer Angriffe. Die Statistiken zeigen: Rechte Gewalttaten nehmen zu. Immer häufiger werden alternative Wohnformen, subkulturelle Treffpunkte und emanzipatorische Projekte zur Zielscheibe organisierter rechtsextremer Gruppen. Diese Entwicklung stellt Wohnprojekte vor eine besondere Herausforderung. Denn Wohnprojekte leben von ihrer Offenheit, ihrer Willkommenskultur und ihrer Funktion als Räume der Begegnung und des gesellschaftlichen Experiments. Sie sind Orte, an denen Menschen zusammenkommen, die eine andere, gerechtere Welt erproben wollen – Orte, die bewusst niedrigschwellig und einladend gestaltet sind und allen Menschen offenstehen, unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem sozialen Status oder ihrer Lebenssituation.

Die Frage lautet daher: Wie können Wohnprojekte ihre Räume und Gemeinschaften schützen, ohne dabei ihre Offenheit und Willkommenskultur zu verlieren? Ein wirksames Schutzkonzept kann diese Spannung zwischen Sicherheitsbedürfnis und politischem Anspruch auflösen. Es geht darum, Strategien zu entwickeln, die sowohl präventiv wirken als auch im Ernstfall handlungsfähig machen – und dabei die Werte und Prinzipien der Projekte bewahren. Erste Schritte können mit den nachfolgenden fünf Schutzmaßnahmen gegangen werden, um die Gruppe des Wohnprojekts zu schützen. 

Fünf leicht umsetzbare Schutzmaßnahmen

Es gibt fünf Schutzmaßnahmen, die Wohnprojekten für ein sicheres und solidarisches Miteinander helfen können:

1. Einen sicheren Kommunikationskanal einrichten

Was? Erstellt eine verpflichtende, verschlüsselte Messenger-Gruppe (z.B. über Signal), die ausschließlich für sicherheitsrelevante Informationen und Alarme genutzt wird. Alle Bewohner*innen müssen Teil dieser Gruppe sein.

Warum? Im Ernstfall ist eine schnelle, zuverlässige und sichere Kommunikation entscheidend. So können alle gleichzeitig informiert und koordiniert werden, ohne dass sensible Informationen nach außen dringen oder in alltäglichen Chats untergehen.

2. Basis-Check für physische Sicherheit durchführen

Was? Macht einen gemeinsamen Rundgang in eurem Projekt und überprüft die zwei wichtigsten Schwachstellen:

  • Türen & Fenster: Sind alle Zugänge (Haustür, Kellertüren, Fenster im Erdgeschoss) wirklich sicher und werden sie konsequent geschlossen gehalten?
  • Beleuchtung: Funktionieren alle Lampen im Außenbereich, in Eingängen und Treppenhäusern? 

Warum? Eine gute Ausleuchtung schreckt ab.

3. Eine einfache „Wenn-Dann“-Regel für den Ernstfall festlegen

Was? Vereinbart eine simple, für alle verständliche und leicht zu merkende Verhaltensregel für den Moment eines Vorfalls. Zum Beispiel:

Wenn du eine akute Bedrohung siehst (z.B. verdächtige Personen, Angriff), dann:

  • Bring dich in Sicherheit (ins Haus gehen, Tür abschließen).
  • Alarmiere die Gruppe über den sicheren Kanal mit einer kurzen, klaren Nachricht (Was? Wo?).
  • Konfrontiere niemanden alleine.

Warum? Eine einfache, auswendig gelernte Regel reduziert Panik, verhindert gefährliche Alleingänge und stellt sicher, dass die Gemeinschaft sofort und koordiniert handlungsfähig ist.

4. Notfall-Kontaktliste mit solidarischem Netzwerk erstellen

Was? Stellt eine Liste mit den wichtigsten Telefonnummern zusammen und macht sie für alle digital und physisch zugänglich (z.B. als ausgedruckte Karte, in der Gruppeninfo des Messengers).

  • Intern: Nummern von zwei bis drei vertrauenswürdigen Ansprechpartner*innen im Haus.
  • Solidarisches Netzwerk: Nummern von mindestens drei Ansprechpersonen aus befreundeten Projekten, einem lokalen Bündnis oder der direkten Nachbarschaft, die im Notfall kontaktiert werden können.
  • Extern: Polizei (110), Feuerwehr (112).

Warum? Im Stress vergisst man wichtige Nummern. Ein solidarisches Netzwerk kann schnell Unterstützung mobilisieren, Öffentlichkeit herstellen oder als Zeug*innen fungieren, bevor offizielle Stellen eintreffen.

5. Erstes gemeinsames Sicherheits-Treffen ansetzen

Was? Setzt einen festen, einstündigen Termin für alle Bewohner*innen an. Einziger Tagesordnungspunkt: „Unser gemeinsamer Schutz“.

Ziel des Treffens:

  • Gemeinsam anerkennen, dass das Thema für alle relevant ist.
  • Die Maßnahmen 1-4 beschließen und Verantwortlichkeiten für die Umsetzung festlegen.
  • Einen Folgetermin für eine detailliertere Diskussion vereinbaren.

Warum? Dies ist der wichtigste Schritt. Er verwandelt individuelle Sorgen in kollektive Verantwortung und schafft die Grundlage für alle weiteren Maßnahmen. Es signalisiert nach innen und außen: Wir passen aufeinander auf.

Externe Beratungsstellen und Unterstützung

Niemand muss mit Bedrohungen allein bleiben. Es gibt professionelle und erfahrene Beratungsstellen, die Wohnprojekte und Einzelpersonen unterstützen können. Sie bieten Beratung, Begleitung und Hilfe bei der Entwicklung von Schutzkonzepten sowie bei der Sensibilisierung und der Gestaltung von Prozessen zum Schutz emanzipatorischer Orte.

VBRG e.V. – Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt
Der VBRG e.V. ist der Dachverband der unabhängigen Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Deutschland. Die spezialisierten Fachberatungsstellen gibt es in allen Bundesländern. Sie bieten parteiliche, kostenlose und vertrauliche Beratung für Betroffene, Angehörige und Zeug*innen. Sie unterstützen bei der Verarbeitung von Angriffen, bei rechtlichen Schritten und im Umgang mit Behörden. Zudem bieten sie psychosoziale Prozessbegleitung, Vermittlung an Therapeut*innen und einen Opferhilfefonds für unbürokratische finanzielle Unterstützung nach Gewalttaten. Die Beratung ist unabhängig von einer Anzeige und orientiert sich an den Bedürfnissen der Betroffenen.

Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus (MBR)
Die Mobilen Beratungsteams gegen Rechtsextremismus (MBR) unterstützen Engagierte vor Ort, die sich für Demokratie und gegen Rechtsextremismus positionieren. Sie beraten bei konkreten Vorfällen und helfen, lokale Handlungsstrategien zu entwickeln. Ihre Angebote umfassen Prozessbegleitung für Gruppen und Initiativen, die mit rechtsextremen Aktivitäten konfrontiert sind, Aufklärung und Sensibilisierung zu Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus und Verschwörungsideologien sowie die Unterstützung und Entwicklung von langfristigen Präventionsstrategien. Die Beratung ist kostenlos, vertraulich und findet bei Bedarf direkt vor Ort statt.

Autor*in
Arbeitskreis Rechtsextremismus und Raumnahme

Der Arbeitskreis Rechtsextremismus und Raumnahme ist ein Arbeitskreis für zivilgesellschaftliche Akteure, Beratungsstellen, Wohnprojekte und weitere Initiativen und Personen aus dem gemeinschaftlichen Wohnen und setzt sich gegen rechtsextremistische Raumnahme ein. 

Wir sind ein Bündnis, das vorhandene Netzwerke und Anlaufstellen sichtbar macht und die demokratische, vielfältige und solidarische Wohnprojektszene stärkt. Ziel des Arbeitskreises ist es, sich auszutauschen und Strategien zu erarbeiten, was wir als Netzwerke, Wohnprojekte, Beratende, aber auch Zivilgesellschaft und Kommunen dem Erstarken rechtsextremistischer Raumnahme entgegensetzen können.

Aktuell trifft sich der AK zweimal im Jahr online. Zusätzlich werden in kleinen Gruppen Beiträge, Projekte und Veranstaltungen geplant.

Schreibe eine E-Mail an ak-demokratie(at)stiftung-trias.de und wir nehmen dich in den Verteiler auf.

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