Nähe und Distanz in der Gruppe besprechen

Wie viel Nähe und Distanz, Gemeinschaft und Privatheit sich ein Mensch wünscht, ist sehr individuell. Für Wohnprojektgruppen ist es hilfreich, sich darüber zu verständigen, um eine gute Grundlage für das Zusammenleben zu schaffen. Unser Artikel erklärt eine geeignete Workshop-Methode, um das Thema als Gruppe zu bearbeiten.

Eine Person hockt auf dem Boden und sortiert Moderationskarten

Einführung

Menschen, die darüber nachdenken in Gemeinschaft zu leben, sollten sich Zeit nehmen herauszufinden, welches Maß an Nähe und Distanz sie gerne leben wollen. Die hier dargestellte grafische Übersicht und Workshop-Idee soll eine Anleitung geben, zunächst sich selbst zu befragen und dann mit den Menschen, die eine Gruppe bilden wollen, dieses Thema zu besprechen.

Die Beschäftigung mit dem Thema “Wie viel Nähe und Distanz möchten wir?” passt gut in die Projektphase, in der sich die Kerngruppe herausbildet. Es geht deswegen eher darum, sich kennen zu lernen und eine “gemeinsame Sprache” zu finden, als konkrete Vereinbarungen zu treffen. Die Methode kann dabei unterstützen zu klären, was die Wünsche der Gruppenmitglieder sind, was sie nicht wollen, was der eigenen Privatheit vorbehalten sein soll und wo die eigenen Grenzen sind.

Grafik: Nähe und Distanz in der Gemeinschaft

Grafik zum Thema "Nähe und Distanz in Gemeinschaften"

Die Grafik zeigt auf, welche Fragen ich mir als Einzelperson und dann in der Gruppe stellen sollte. Ziel ist es, ein Verständnis dafür zu erhalten, was ich als Mitglied in die Gruppe hineingeben kann und was ich nicht teilen möchte. Dadurch erkennen die einzelnen Gruppenmitglieder, wie viel Nähe und Distanz sie gerne in der Gemeinschaft leben wollen. 

Workshop zu Nähe und Distanz

Mit einem Workshop kann das Thema nochmals tiefergehend als Gruppe betrachtet werden. Moderiert wird der Workshop von einer Einzelperson oder einem Kleinteam. Die Moderation kann von Menschen aus der Gruppe übernommen oder extern vergeben werden. 

Organisatorisches

Folgende Dinge sind für die Organisation des Workshops mitzudenken: 

  • Wann ist der richtige Zeitpunkt und die richtige Situation für diesen Workshop?

    Der Workshop eignet sich vor allem für Gruppen in der Ideenphase, die noch ein großes Bedürfniss haben sich kennen zu lernen und insbesondere mit der Intention des gemeinschaftlichen Wohnen angetreten sind.

    Dieser Workshop eignet sich also nur begrenzt für zufällige Mieter*innengemeinschaften oder sehr pragmatische Gruppen.

  • Für wie viele Menschen ist der Workshop gedacht? 

    Die Idee geht von maximal 20 Menschen aus.

  • Wie viel Zeit wird benötigt?

    Es wird mindestens elf Stunden reine Workshopzeit benötigt und sechs Stunden Pause. Es sind also insgesamt zwei Tage notwendig.

  • Welche Rahmenbedigungen brauchen wir?

    Es braucht einen großen Raum und Unterbringungsmöglichkeiten zur Übernachtung, Papierplakate, Moderationskarten, Stuhlkreis und Kleingruppenrückzugsmöglichkeiten.

    Eine Kinderbetreuung ist mitzudenken, ebenso gutes Essen und eine Pausen-Verpflegung.

  • Was ist bei der Moderation zu beachten?

    Die Person oder das Team, welches die Vorbereitung und Durchführung des Workshops und die Moderation übernimmt, sollte einige Erfahrung in der Workshop-Durchführung und Lust zum Lernen haben.

    Für eine externe Moderation sind passende und erfahrene Wohnprojektberatende in unserer Berater*innen-Suche zu finden. 

Ablauf und Inhalte

Jede Person beantwortet im Vorfeld des Workshops die Fragen der Grafik “Nähe und Distanz in Gemeinschaften” für sich persönlich und macht sich Notizen, die alle Gruppenmitglieder zum Workshop mitbringen.

Zeitbedarf: zwei Stunden

Die Moderation sucht ein Spiel aus, bei dem jede Person etwas sagt und für die anderen spürbar wird.

Dauer: 20 Minuten

Danach erfolgt ein kurzes Kennenlernen im Eins-zu-eins. Hierfür werden zwei gegenläufige Kreise im Raum gebildet, sodass jede Person einer anderen gegenüber steht. Die Moderation gibt Fragen in die Runde und die erste Person beginnt die Frage zu beantworten, die andere hört zu. Nach einigen Minuten wechselt die sprechende Person. Im Anschluss geht der innere Kreis eine Person weiter und weitere Fragen werden gestellt.

Dauer: 20 bis 30 Minuten

Die Person, die den Workshop vorbereitet hat und leitet, stellt den geplanten Ablauf und sich selbst vor.

Die Moderation sollte kurz deutlich machen, worauf dieser Workshop abzielt: Eine Besprechbarkeit herzustellen statt eine Vereinbarung treffen. Entsprechend ist die notwendige Kommunikationshaltung das „Zuhören“, das „Diskutieren“ wird nicht benötigt. Wenn die Gruppe sich in der Kerngruppenfindungsphase befindet, ist es hilfreich auch noch einmal darauf hinzuweisen, dass Menschen in diesem Workshop unter Umständen feststellen, dass diese Gruppe nicht für sie passend ist. Gemäß dem Motto “besser jetzt als später”, wäre es gut, solche Prozesse positiv zu unterstützen und der damit einhergehenden Traurigkeit Raum zu lassen.

Dauer: 30 Minuten

Die Moderation bereitet für die fünf Aspekte “Wohnen, Arbeiten, Hobby, Mobilität, Nachbarschaftlichkeit” auf die Gruppe abgestimmte Standpunkte vor.

Mit einem Seil oder auf andere Weise wird ein Strahl im Raum angedeutet. Die Moderation erklärt die Standpunkte, die sie auf Karten geschrieben hat und platziert sie entlang des Strahls.

Nun können die Teilnehmenden sich entsprechend ihrer Meinung positionieren.

Bei Gesprächsbedarf oder sehr konträren Positionen kann es sinnvoll sein, wenn Menschen ihre Positionierung erklären.

Die Positionierungen sollten für später auf geeignete Weise (Foto oder Skizze) festgehalten werden.

Dauer: 40 Minuten

In Kleingruppen von ca. vier Personen sollen die Teilnehmenden ihre Antworten zu den vier Themen “Alltagsaufgaben, Gartennutzung, Werte, Sachthemen”  auf Karten schreiben und dabei gleich behutsam etwas einordnen. Es soll darauf geachtet werden, möglichst das Wesentliche aufzuschreiben.

Im Zuge dessen sollte die Gruppe von allen Mitgliedern hören, was ihnen wichtig ist und was sie mit den Worten meinen.

Ob es gleich im Anschluss mit einer neuen 4er Gruppe mit dem nächsten Thema weitergeht oder erst gemeinsam auf die entstehende Wortwolke geschaut wird, kann die Moderation entscheiden.

In der Pause kleben die Menschen ihre Karten zu den vier Wortwolken auf vorbereitete Flipchartpapiere.

Nach der Pause versammeln sich alle Teilnehmende nacheinander vor den vier Wortwolken und reflektieren gemeinsam, was sie in den Kleingruppen erlebt haben und welchen Eindruck jetzt das Ergebnis auf sie macht. Wo könnten Spannungen liegen? (Nur benennen, nicht ins Thema einsteigen!)

Dauer: 40 Minuten fürs Karten schreiben in allen vier Themen, 40 Minuten für die Auswertung

Die Zeitwand ist ein Plakat in Form einer Tabelle, in die jedes Gruppenmitglied seine geschätzten Zeitbudgets für ehrenamtliche Arbeit und mögliche entlohnte Arbeit in der Gemeinschaft hinein schreiben soll.

Die Moderation bereitet das Plakat vor und führt es vor der ersten großen Pause ein. Es sollte den ganzen Tag über hängen und ausgefüllt werden können.

Zur Auswertung nach einer Pause als Gruppe sich versammeln und das Ergebnis auswerten.

Dauer: 20 Minuten während der Pause zum Ausfüllen, 30 Minuten für die Auswertung

Ab hier wird es recht persönlich und es ist je nach Gruppe Fingerspitzengefühl bei der Auswahl der Methoden gefragt.

Es geht um die Themen:

  • Freundschaft,
  • Mitverantwortung für Kinder,
  • Paarbeziehungen in der Gemeinschaft,
  • Persönliche Baustellen und Beziehungsprobleme.

Mögliche Methoden:

  1. Rede-Stabrunde: Alle sprechen von sich, was sie sich vorstellen, der Rest hört aktiv zu.
  2. Kleingruppen: Gleiches Prinzip, nur mit weniger Menschen
  3. Gegenläufige Kreise, wie unter 01 - Kennenlernen
  4. Zweiergespräche

Für die letzten drei Methoden braucht es dann noch einmal das Zusammentragen in der Großen Runde, in der alle, die möchten, von den gemachten Erfahrungen berichten können.

Dauer: 40 Minuten je Thema, insgesamt 3 Stunden

Jede Person hatte sich im Vorfeld dazu bereits Gedanken gemacht, aber nach dem Erlebten, wird sich der Blick auf die Frage verändert haben.

Es erfolgt zunächst ein Input durch die Moderation zum Recht auf Privatheit und dass es eine mutige Verteidigung der eigenen Grenzen braucht und dass das Gelingen von der eigenen Klarheit abhängt.

Die Moderation fordert dann die Teilnehmenden auf, sich mindestens 20 Minuten zurückzuziehen und die zuvor gemachten Notizen zu überarbeiten.

Zum Abschluss dieser Übung sollten sich alle mit ihren verborgenen privaten Notizen, die in ihrer Verschlossenheit aber für alle sichtbar sind, im Kreis aufstellen.  Die Moderation schafft einen Moment, in dem die Grenze ins Private für alle spürbar werden kann und von allen mit einer Art Akzeptanz beantwortet wird. Wirken lassen und Feiern!

Dauer: 30 Minuten

Von hier aus kann der Blick wieder auf die anderen Aspekte der entstehenden Gemeinschaft gelenkt werden. Die Moderation hat die Aufgabe, den sichtbargewordenen Minimalkonsens der Gruppe zu würdigen und noch einmal auf den Punkt zu bringen und damit eine Abschlussrunde mit den folgenden Fragen durchzuführen:

  • Wie angenehm findest du das Verhältnis von Nähe und Distanz in der Gemeinschaft?
  • Auf welchen „Teil-Aspekt“ freust du dich besonders?

Dauer: 1 Stunde

Die Moderation vergibt die Aufgabe, eine gemeinsame Dokumentation in der nächsten Stunde zu erstellen an zwei bis drei Menschen aus der Gruppe.

Dieser Teil dient zusätzlich dazu, dass Menschen noch einmal unangeleitet ins Gespräch gehen können.

Dauer: 1 Stunde

Fazit: Abgrenzung und Minimalkonsens

Klare eigene Grenzen und Werte helfen der Gruppe, eine gemeinsame Grundlage für das Zusammenleben zu finden und auszuloten, wie viel Nähe und Distanz die einzelnen Gruppenmitglieder in der Gemeinschaft benötigen. Sich frühzeitig mit diesem Thema zu beschäftigen, trägt dazu bei, späteren Konflikten vorzubeugen.

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Autor*in
Gregor Meister

Gregor Meister ist Konzeptberater für Wohnprojektinitiativen und hat u. a. Wohnprojekte für das Netzwerk Leipziger Freiheit, die Kooperativen Wohnformen Chemnitz und die Stadt Halle (Saale) in der Konzeptphase beraten.

Er ist Kollege von Ullrike Hippe, Roman Grabolle und Michael Stellmacher in der Dienstleistungskombinat GmbH Leipzig , aktives Mitglied im Haus- & Wagenrat und neben Ronja Bader Co-Leitung der Aus- und Weiterbildung zum/zur Wohnprojektberater*in.

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